Pilze bauen Ökosysteme auf und tragen zu ihrem Zerfall bei, Materialien prägen unsere Lebensweisen, und selbst die Vorstellung von „Natur“ bleibt umstritten. Drei Stationen zwischen September und November – in Linz, Hamburg und Lyon – kreisen um diese wirkmächtige Materie. Dabei begegnen uns Anna Lowenhaupt Tsing und Feifei Zhou, Tim Ingold sowie die Debatte über Philippe Descolas Werk. Alle drei eröffnen neue Perspektiven darauf, wie wir die Welt denken, gestalten und bewohnen.

Linz · Tsing und Zhou stellen Pilze als anarchistische Gestalter vor

Die Ausstellung FUNGI: Anarchist Designers war vom 9. bis 13. September 2026 beim Ars Electronica Festival in Linz in der Sektion Negotiating Beyond Humanity zu sehen und zählte zu den für den S+T+ARTS Prize 2026 nominierten Projekten. Zuvor war sie von November 2025 bis August 2026 im Nieuwe Instituut in Rotterdam gezeigt worden. Kuratiert wurde die Ausstellung von der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, Professorin an der University of California, Santa Cruz, und an der Universität Aarhus, sowie von der Architektin und Künstlerin Feifei Zhou. Zhou gründete 2024 in Nanjing das Studio terriStories, um zu erforschen, wie mehr-als-menschliches Leben Architektur und Landschaften formt. Gemeinsam mit Jennifer Deger und Alder Keleman Saxena hatten Tsing und Zhou bereits Feral Atlas herausgegeben; von denselben vier Personen stammt auch Field Guide to the Patchy Anthropocene.

Die Ausstellung hinterfragt die Tendenz von Architektur und Design, Myzel als nachhaltiges Material zu feiern, ohne das Eigenleben der Pilze und die ökologischen Beziehungen, die sie hervorbringen, ernst zu nehmen. Tsing und Zhou zeigen Pilze als aufbauende und zersetzende Akteure mit eigenen Handlungsweisen, die zugleich in die Geschichte kolonialer und kapitalistischer Ausbeutung verwoben sind. Eine Arbeit der Ökologieforschenden Ivette Perfecto und Zachary Hajian-Forooshani, entstanden gemeinsam mit dem Künstler Filipp Groubnov, kartiert die Ausbreitung des Kaffeerosts in lateinamerikanischen Monokulturen. Das Streben nach maximalem Ertrag schafft dort letztlich günstige Bedingungen für den Pilz.

Im Manifest We Encounter Others in Form ergreifen Amanita, Nidula und Dactylella in der ersten Person das Wort. Sie verdeutlichen, dass Formen aus Begegnungen zwischen Lebewesen hervorgehen und ihrerseits künftige Begegnungen strukturieren. Der Text greift den chinesischen Ausdruck 一劳永逸 (yi lao yong yi) auf: die Vorstellung, eine einmalige Handlung könne dauerhafte Wirkungen entfalten, ohne dass weitere Pflege nötig wäre. Damit beschreiben Tsing und Zhou die Fantasie der Beständigkeit, die Materialien wie Kunststoff und Beton in unseren Städten mit verankert haben.

Kann ein Design ökologisch genannt werden, wenn es zwar seine Materialien austauscht, aber an seinem Kontrollanspruch unverändert festhält?

Quellen. Ars Electronica, Ausstellung im Festivalprogramm · S+T+ARTS Prize, Nominierung 2026 · Nieuwe Instituut, Ausstellung in Rotterdam · Nieuwe Instituut, Manifest von Tsing und Zhou (PDF)

Hamburg · Ingold und Materialität im Wandel des Bauens

Das Hamburg Institute for Advanced Study (HIAS) kündigt für den 20. November 2026 den Workshop Societal Relationships with Materiality („Gesellschaftliche Beziehungen zur Materialität“) an. Tim Ingold wird sich darin mit der von den Organisierenden formulierten Herausforderung befassen, neue Wege zu finden, Materialität zu denken und sorgsam mit ihr umzugehen. Geleitet wird die Veranstaltung von der Soziologin Cordula Kropp, Professorin an der Universität Stuttgart und von Oktober bis Dezember Gastwissenschaftlerin am HIAS, sowie Frank Adloff, Professor für Soziologie an der Universität Hamburg. Der Workshop findet auf Englisch und in hybrider Form statt, wobei dem Bausektor besondere Aufmerksamkeit gilt. Interessierte können sich zur Teilnahme an Kropp wenden.

Der Ankündigung zufolge hat die westliche Fortschrittsvorstellung dazu beigetragen, die planetaren Grenzen zu überschreiten und andere Wissensformen über Natur und irdische Materialien abzuwerten. Zur Begründung verweist das HIAS auf Ingolds Aufsatz How to imagine a sustainable world (Acta Borealia, 2024). Im Workshop soll diskutiert werden, wie Materialien im fortlaufenden Lebensprozess entstehen, sich verbinden und wieder auflösen. Damit knüpft die Veranstaltung an Kropps Forschung zur Materialwende in Architektur und Bauwesen an.

Für AIthropology liegt das Interesse darin, den Blick von der Frage, welches Material sich verwenden lässt, auf die Frage zu lenken, welche Beziehungen wir durch das Bauen ermöglichen. Nachhaltigkeit betrifft dann neben den Eigenschaften von Gegenständen auch Prozesse, Zeitlichkeiten und Formen des Zusammenlebens.

Quellen. HIAS, Workshop-Programm · Acta Borealia, Tim Ingold, „How to Imagine a Sustainable World“ (Open Access, Universität Aberdeen) · TATuP, Cordula Kropp und Simon Aicher, „Building the future“

Lyon · Descolas Naturalismus steht zur Debatte

Das Seminar Naturalisme, Sciences et Environnement, das vom Institut de recherches philosophiques de Lyon (IRPhiL, Université Jean Moulin Lyon 3) und der ENS de Lyon gemeinsam veranstaltet wird, widmete seine Sitzung am 1. Oktober dem Thema „Philippe Descola : querelles autour du naturalisme“. Den Vortrag hielt die Philosophin Catherine Larrère von der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne.

Ausgangspunkt der Seminarreihe ist die Frage nach den Ursachen der gegenwärtigen ökologischen Katastrophe. Als mögliche Erklärungen nennt das Programm menschlichen Egoismus, Kapitalismus, Produktivismus, Dualismus und ein mechanistisches Naturverständnis. Es greift einen Gedanken Descolas auf, der den Eintritt ins Anthropozän mit dem westlichen naturalistischen Weltverhältnis und der dadurch erzeugten Außenposition des Menschen gegenüber einer erkennbaren und beherrschbaren Natur verknüpft. Dem stellt das Programm philosophische Positionen gegenüber, die Naturalismus – etwa im Sinne Darwins – als Monismus verstehen, der die Kontinuität zwischen den Arten betont, und stattdessen einen aus dem Christentum überlieferten Dualismus verantwortlich machen. In Descolas umfassenderem ontologischem Schema verbindet der Naturalismus eine physische Kontinuität zwischen Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen mit einer Diskontinuität ihrer Innerlichkeiten; auf dieser zweiten Ebene liegt die Trennung. Aus der Ankündigung geht nicht hervor, welche Position Larrère in ihrem Vortrag vertreten hat.

Die Debatte wird noch in dieser Woche fortgesetzt. Für Donnerstag, den 22. Oktober, sind Beiträge von Léo Magnin (Université Gustave Eiffel) mit dem Titel „Faire le bilan du carbone“ und Jean-Baptiste Vuillerod (ENS de Lyon) zum Thema „Le concept de Bildung par-delà nature et culture“ angekündigt. Descola selbst soll die Reihe am 18. März 2027 abschließen. Seine Ontologien dienen hier als Instrumente einer kritischen Diskussion, die Widerspruch zulässt.

Quellen. Université Jean Moulin Lyon 3, Sitzung zu Descola · IRPhiL, Programm der Seminarreihe Naturalisme, Sciences et Environnement


In einer Welt leben, die wir nicht kontrollieren

Tsing und Zhou stellen die Annahme infrage, dass allein Menschen gestalten. Der Hamburger Workshop mit Ingold schlägt vor, Materialien als Teil lebendiger Prozesse zu betrachten. Die Debatte um Descola hält die Auseinandersetzung mit jenen Kategorien offen, durch die wir Natur und Gesellschaft voneinander trennen.

Es handelt sich um unterschiedliche Beiträge, denen kein ausdrücklich gemeinsames Programm zugrunde liegt. Zusammengelesen verweisen sie auf eine Aufgabe zeitgenössischer Anthropologie: die Folgen unserer Weisen, die Welt zu bewohnen, zu durchdenken, ohne vorauszusetzen, dass diese Welt ausschließlich dazu existiert, unseren Absichten zu entsprechen.


Vorschaubild für soziale Netzwerke. Fotografie: Slunkopunk / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0.